Lar Tmava

Eine grossgewachsene, schlanke Onlo mit einem kleinen anatubischen Vulkan-Waldschnapper auf der Schulter.

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Samstag, Februar 26, 2011

Serebrium

Es war einer jener Zufälle, welche das Leben ausmachen und vermutlich gar keine sind. Auf meinen Streifzügen durch die Wälder traf ich auf einen ungepflegten, alten Mann, der in einer selbst zusammengezimmerten Hütte hauste, die sich, gut getarnt, zwischen die Stämme von mehrern wundervollen, kräftigen Eschen schmiegte. Ich hätte ihn vermutlich gar nicht gesehen, wäre er nicht mit irrem Blick zwischen den Bäumen hervorgetreten. Er schien völlig fasziniert zu sein von Modrin, welcher gerade eine kleine Konversation mit einer der stattlichen Eschen begonnen hatte. Wobei - ich merkte rasch, dass es nicht Modrin war, welcher den alten Mann so interessieren zu schien, sondern Dralion. Er äugte misstrauisch zwischen den Ästen hervor. Seit einigen Tagen war er nicht so fit, und sein Schuppenkleid schimmerte momentan mattrot.

Der alte Mann deutete sprachlos auf Dralion, und ich begann mich zu fragen, ob er vollkommen übergeschnappt war oder ob es einen anderen Grund für sein merkwürdiges Verhalten geben könnte. Da drehte sich der alte Mann zu mir und winkte mir, ihm zu folgen - was ich tat (Neugier, dein Name sei Onlo). Im Schatten seiner schiefen Hütte begann er mich auszufragen, was Dralion für ein Ding sei (ja! er nannte ihn "Ding"!) und woher er komme, und immer wieder fragte er nach Serebrium. Ich erklärte ihm geduldig (zumindest am Anfang), dass Dralion ein Anatubischer Vulkan-Waldschnapper sei und vermutlich eines der letzten lebenden Exemplare dieser ururalten Rasse überhaupt und dass ich keine Ahnung habe, was Serebrium sei. Da verschwand er wortlos in seiner Hütte.

Kurz darauf tauchte er wieder auf, mit einem zerfledderten kleinen Buch in der Hand, welches er mir entgegenstreckte. Die Schrift auf dem Einband war verblasst, und mühsam entzifferte ich die Worte "Sagen aus dem Reich der Serebrium-Mine". Ich schaute den alten Mann fragend an. Ungeduldig schlug er das Buch auf, blätterte darin herum und deutete schliesslich auf eine Stelle. Ich las, und ich begann zu verstehen, weshalb der alte Mann so aufgeregt war. Was ich las war eine ziemlich präzise Beschreibung von Dralion - und sie hatte überhaupt nichts mit Anatubien und Vulkanen zu tun, sondern mit etwas, das "Serebrium" genannt wurde. Ich fragte den alten Mann danach, aber aus ihm war keine klare Antwort herauszubekommen. Als ich ihm das Buch zurückgeben wollte, winkte er ab, deutete (etwas ängstlich) auf Dralion, schüttelte dann heftig den Kopf und verschwand in seiner Hütte. Ich hörte, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Da stand ich nun, mit einem alten, zerfledderten Buch in der Hand und völlig verwirrt. Schliesslich packte ich das Buch in meinen Reisebeutel, und wir zogen weiter.

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, das kleine Buch zu lesen, doch ich wurde nicht schlau daraus. Es schien, als wäre es eine Sammlung von Sagen und Märchen, bar jeder realen Grundlage, und doch gabe es immer wieder Passagen, welche so realistisch waren, dass ich mich weigerte zu glauben, dies seien bloss Auswüchse einer blühenden Phantasie. So beschloss ich, die mir bekannten grossen Bibliotheken aufzusuchen, um weitere Nachforschungen nach diesem merkwürdigen "Serebrium" zu machen.

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Sonntag, November 16, 2008

Die Rasur

Es kostete mich viel Kraft und Überwindung. Zwei Tage hatte ich die Schere in der Ecke bloss misstrauisch beäugt und zu ignorieren versucht. Doch eigentlich war ich neugierig.

Also hatte ich mich frühmorgens dann doch überwunden und die Schere gepackt. Dralion und Modrin schienen erleichtert, ich war wohl mit meiner düsteren Stimmung nicht die beste Gesellschafterin gewesen.

Der erste Schnitt war der schlimmste. Als die lange, dunkle Haarsträhne langsam zu Boden fiel, hielt ich inne und folgte ihr mit meinem Blick. Ich atmete nochmals tief ein, und dann arbeitete ich, ohne noch einmal nachzudenken. Bald war das Gras von braunen Haaren bedeckt. Ich empfand eine seltsame Befriedigung, als die letzte Strähne gefallen war. Wenn ich die Schriften richtig verstanden hatte, die Zeichen korrekt interpretiert und Herz und Seele in Einklang mit den Wäldern gebracht hatte, würde die Alte Onlo-Magie wirken.

Nun galt es bis zum Frühjahr zu warten (und warme Mützen zu tragen!). Erst dann würde ich sehen, ob sie die Wandlung vollziehen würde und ob ich wirklich ein weiteres, schwieriges Stück auf dem Weg zu den Alten Wäldern gemeistert hätte. Wenn die Wälder meine Anstrengungen akzeptieren und mich für ihrer würdig halten, wird im Frühling mit den ersten warmen Sonnenstrahlen mein Haar zu wachsen beginnen, wie die Bäume Blätter austreiben, und ehe der erste Vollmond nach La-cothron-Trathnona, der Tag-und-Nacht-Gleiche, die Welt in Silber taucht, wären meine Haare wieder fast gleich lang wie bis eben. Wenn nicht, würden sie Jahre brauchen, um auch nur annähernd die gleiche Länge zu erreichen.

Gedankenverloren hob ich eine der Strähnen auf, band sie mit einer kleinen Schlaufe zusammen und hängte sie an einen von Modrins Ästen. Die restlichen Haare verbrannte ich, wie es das Ritual verlangte.

Das Warten hatte begonnen.

Der Neuanfang

Ich weiss nicht mehr, wie viele Monde ins Land gezogen sind. Die Wälder ruhten und erblüten und ruhten in der Zwischenzeit. Es muss demnach eine lange Zeit gewesen sein, in welcher ich über den Schriften brütete. Pergamentrolle um Pergamentrolle hatte ich studiert, hatte Aufzeichnungen verglichen, an Übersetzungen gebrütet, war Hinweisen nachgegangen und hatte Quellen erforscht.

Ich hatte viel Aufwand betrieben, und doch war ich keinen Schritt weiter als am Anfang: ich hatte keinen blassen Schimmer, wo die Alten Onlo-Schriften verborgen sein könnten.

Meine Enttäuschung ist gross, und langsam beginne ich mich zu fragen, ob es sich gelohnt hat, mich während so langer Zeit zu verkriechen, kaum mit jemandem zu sprechen. Ich habe verpasst, was in der Welt um mich herum vor sich ging, weil ich so tief vergraben in meiner eigenen Welt war. Das hatte ich zumindest geglaubt, aber war es wirklich meine eigene Welt? Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um die Suche nach den Alten Onlo-Schriften aufzugeben und mich anderen Dingen zuzuwenden.

Sicher, ich habe während meines Studiums der Schriftrollen viel gelernt, sehr viel. So manches, das Moudhra erzählt hatte, machte nun plötzlich Sinn. Ich habe begonnen, den Ursprung meiner Herkunft zu verstehen, und langsam fügen sich viele kleine Teile zu einem grossen Ganzen. Ich fühle mich den Wäldern und meinen Ahnen näher als je zuvor.

Vielleicht ist genau das der nächste Schritt zu den Alten Onlo-Schriften?

Samstag, August 11, 2007

Die Geburt der Winde

Still war es auf der Erde, als der Urbaum vier Kinder gebar. Das erste erblickte im Frühjahr das Licht der Welt, das zweite im Sommer, das dritte im Herbst und das vierte im Winter. Die vier Nachkommen waren sich sehr ähnlich, doch in einigen Dingen ganz verschieden. Das Kind des Frühjahrs war sprunghaft und fröhlich, voll Tatendrang, mit wachem Geist, stets auf der Suche nach Neuem. Das Kind des Sommers war von sanftem, gutmütigem Wesen, seine Ruhe und Grosszügigkeit zeichnete es vor den andern aus. Das Kind des Herbstes war launisch und unbeständig, stets schwankend zwischen grosser Herzlichkeit und kühler Zurückweisung. Das Kind des Winters war ausdauernd und eigenwillig, und nur schwer von seinen einmal gefassten Vorhaben abzubringen.

Die vier Kinder wuchsen heran und waren bald reif, selber ihrer Wege zu gehen. Also kam der Tag, an welchem sie Abschied von ihrer Mutter nahmen. Und die Mutter sprach:

"In alle Richtungen werdet ihr ziehen, meine Kinder, euren Weg gehen und fortan euer Geschick selber an die Hand nehmen. Schwer ist das Herz einer Mutter, die Ihren gehen zu lassen, und einzig das Wissen, dass ein Teil von euch stets zu mir zurückkehren wird, lässt mich diesen Gram überdauern."

Ein letztes Mal umarmten die Kinder ihre Mutter, und sanft wisperte das Laub ihrer Krone. Und das Kind des Frühjahrs lenkte seine Schritte gen Osten, und das Kind des Sommers die seinen gen Süden, und das Kind des Sommers gen Westen, und das Kind des Winters schliesslich gen Norden. Der Urbaum schloss die Augen, und schwer wurde ihr ums Herz, und doch leicht, denn noch immer spürte sie den Atem ihrer Kinder durch ihre Laubkrone streichen.

Dunkelheit hüllte die Welt ein, und schwer lastete Gram auf des Urbaumes Blättern. Doch mit dem ersten Lichtschein am Morgen kam ein Windstoss aus dem Süden, sanft und warm, und liebkoste Blüten und Blätter, und der Urbaum lächelte, denn ein Teil des Sommerkindes war zurückgekehrt. Und bald schon wiegte sich die Laubkrone des Urbaumes in diese und jene Richtung, und in jeder Windbö lag ein Stückchen der Kinder des Urbaumes.

Sonntag, April 29, 2007

Die Wiederbelebung

Die Dame Delamour bat mich um ein Treffen. Ihre Nervosität spürend eilte ich zur Post, und ein grauenvolles Bild bot sich mir:

Mitten in der Post, am Boden, lag der blutüberströmte, leblose Körper der Dame Liel!

In wenigen Sätzen berichtete mir Dame Delamour, dass der falsche Bragor die ehrenwerte Onlo niedergemeuchelt habe, als diese die junge Flora vor ihm schützen wollte.

Ich spürte, wie mir das Blut aus den Wangen wich, als Dame Delamour mich mit Tränen in den Augen fragte, ob ich Dame Liel nicht wiederbeleben könne!

Wie sollte ich so etwas bewerkstelligen? Meine Kräfte, mein Wissen reichte ja nicht einmal für ein einfaches Rakos! Mir fiel nur ein einziger Onlo ein, der möglicherweise noch helfen könnte: der alte Onlo aus der Hütte in Krato.

Rasch schickte ich Dame Delamour los, um ihn zu holen, darauf hoffend, dass die Erwähnung meines Namens und die echte Sorge in der Zauberin Blick dem Onlo klar machen würde, wie sehr wir seiner Hilfe bedürfen. Derweil brachte ich den leblosen Körper zur Geburtsstätte in Anatubien. Die Geburtsstätte befindet sich an einem der Kraftorte der Gegend, an welchem die Magie und Stärke der Wälder besonders intensiv und geballt ist. Wenn an einem Ort, dann müsste, so vermutete ich, dort das fast unmögliche gelingen müssen.

Ungeduldig lief ich hin und her, als endlich Dame Delamour eintrag, gefolgt vom alten Onlo. Er stützte sich auf seinen Stab und atmete etwas schwer, doch in seinem Blick lag Unruhe und Entschlossenheit. Ein Blick auf den Körper am Boden genügte, und er schien zu wissen, weshalb er so dringlich hergebeten wurde. Dennoch wandte er sich an mich. In wenigen Worten erzählte ich, was ich wusste.

Der Onlo blickte vom Körper am Boden zu den Bäumen hoch und meinte, dass die Zeit knapp sei. Sobald die Schatten der Bäume den ganzen Körper erreicht hätte, wäre es zu spät. Dann hiess er uns, Symbole der fünf Elemente zu besorgen. Eiligst kamen wir seinen Worten nach, und bald schon standen wir mit allem wieder beim Onlo. Die Schatten waren schon länger geworden.

Mit dem langen Stab zog der Onlo einen Kreis um den leblosen Körper und stelle sich dann auf die Kreisline hinter den Kopf der Onlo. Er bedeutete uns, uns ebenfalls auf dem Kreis zu verteilen. Jede von uns hielt ein Element in den Händen: Ich das Feuer, Dame Delamour Erde, Dame Adanedhel das Wasser und Dame Ceruya die Luft. Als fünftes Element legte schliesslich der Onlo einen glitzernden Stein der Onlo auf die Brust des Körpers.

Es erschien mir wie eine Ewigkeit, und meine Arme wurden schwer und schwerer. Der Onlo erbat die Kraft der Wälder, auf dass sie erneut durch den Körper fliessen würde. Er sprach in einem alten Onlo-Dialekt, von welchem ich nur wenige Worte verstand. Obwohl es windstill war, erhob sich ein Rauschen in den Laubkronen um uns herum, und selbst die Ärmel des Umhangs des Onlo flatterten. Immer lauter sprach er, und das Rauschen steigert sich, bis es beides zusammen verschwamm, um dann abrupt abzubrechen. Eine gespenstische Stille legte sich über die Geburtsstätte.

Die Stimme des Onlo durchbrach die Stille. Zuerst sprach er wieder in seinem Dialekt, dann fügte er den letzten Satz in verständlicher Sprache hinzu *Möge die Kraft der Wälder wieder in diesen Körper fliessen und ihn durchströmen, wie sie es einst tat*

Der Stein auf der Brust des Körpers, in welchem die gesamte Energie der Wälder gebündelt wurde, blitzte plötzlich hell auf und zerfiel danach in feinen Staub. Ebenso rieselte der Feuerdiamant, eben noch glühend heiss in meinen Händen, als Asche zwischen meinen Fingern zu Boden.

Doch das Ritual schien gewirkt zu haben: die Dame Liel regte sich wieder! Es war wieder Leben in ihr, doch sie war schwer verletzt.

Der alte Onlo drückte mir noch einen kleinen Beutel mit Kräutern in die Hand, mit welchen ich die Wunde versorgen sollte, dann machte er sich, sichtlich müde und erschöpft, auf seinen Stab gestützt, auf den Rückweg.

Dame Liel war sehr schwach. Die Wunde war tief, und sie hatte viel Blut verloren. Wir versorgten sie, so gut es ging, und da ihre Kleidung nur noch in Fetzen lag, reichte ich ihr vorübergehend einen meiner Umhänge. Schliesslich transportierte ich sie, ihrem Wunsch entsprechend, nach Gobos auf die Lichtung, auf dass sie dort genese.

Zurück zu mir

Ich weiss nicht mehr, wie lange ich leer umherirrte. Stunden? Tage? Wenn ich zurückdenke, kann ich mich an kaum etwas erinnern. Bloss dunkle, träge, öde, eintönige Düsterins. Ohne Modrin war alles einerlei.

Was dann geschah, kann ich nicht genau beschreiben. Aus irgendeinem Grund lenkte ich meine Schritte in die Spuren der Dame Liel, wenngleich mir das nicht bewusst war. Jeder ihrer Schritte, denen ich leer folgte, führte mich näher zu Modrin, das spürte ich, wenngleich auch nur unbewusst.

So wie mir Dame Liel später erzählte, führte unser Weg uns zur Baumzucht in Loranien. Der Onlo aus der Hütte in Krato, der Jüngere, war anscheinend ebenfalls dort, und er führte das von mir angefangene Ritual für das Rakos der Dame Liel zu Ende. Angeblich hatte das unterbrochene Ritual, bei welchem durch mich bereits viel magische Energie der Wälder auf mich gebündelt wurde, um das Ritual durchführen zu können, die Verbindung zwischen Modrin und mir gestört. Durch den erfolgreichen Abschluss des Rituals gelang es dem Onlo, die Verbindung wieder frei fliessen zu lassen.

Es ist wundervoll, wieder ganz ich selbst zu sein! Mir scheint, Modrin und ich stehen uns jetzt noch näher.

Doch gleichzeitig nagt es an mir, dass ich anscheinend noch nicht genügend Kraft besitze, um ein noch nicht einmal so kompliziertes Ritual wie die Herstellung eines Rakos alleine durchzuführen.

Dienstag, April 17, 2007

Die Hülle

Schon lange hatte ich den langen, äusserst gerade gewachsenen Ast mit mir herumgetragen, den mir mein Bruder Andhiel einst geschickt hatte auf meine Bitte hin. Der Ast war für die Dame Liel bestimmt, um daraus ein Rakos zu fertigen, welches ihr eine Jagd in der Tradition der Onlo erlauben würde. Mein Bruder hatte dem Päckchen einen Brief beigefügt, in welchem Lezhina mit ihrer kleinen, kaum entzifferbaren Schrift niedergeschrieben hatte, was es für die Ausübung der Alten Onlo-Magie noch alles brauche.

So trafen sich Dame Liel und ich endlich auf der Lichtung, beim alten Baumstumpf, um die Alte Onlo-Magie zu sprechen. Einige Wesen von Dame Liels Gemeinschaft hatten sich uns angeschlossen. Dame Liel erzählte von ihrem Grossvater, von dem Rakos, welches sie damals von ihm erhalten hatte. Als sie dann den Laraf-Ast in die Hand nahm, war deutlich zu sehen, dass ihr Herz stille Zwiesprache mit dem Holz hielt. Eine ausgezeichnete Voraussetzung.

Erfreut blickte ich auch auf all die Dinge, die Dame Liel mitgebracht hatte, um die Alte Onlo-Magie zu sprechen. Wenn sie sie mit ihrem Herzen ausgewählt hatte, würden sie die Magie des Rakos positiv verstärken.

Ich warf nochmals einen raschen Blick über die Schulter: Modrin stand am Waldrand, seine Äste wiegten sich sanft im Wind, während er mit einem Rotahorn gemütlich plauderte. Dralion döste auf einem seiner Äste.

Tief atmete ich ein, umfasste den zierlichen Anhänger um meinen Hals und schloss die Augen, um meine Sinne für die Stimmen der Wälder herum zu öffnen. Es dauerte nur wenigen Atemzüge, bis ich die Wälder spürte. Ich sah das helle Grün junger Birkenblätter, von der Sonne beschienen, und dazwischen dunklere Kastanienblätter. Ein fröhliches Wispern erfüllte die Luft. Ich spürte eine frische Frühlingsbrise auf meiner Haut.

Ich versuchte, mich auf die Stimmen der Bäume zu konzentrieren, sie auseinander zu halten, die einzelnen Klänge zu unterscheiden. Langsam, aber immer deutlicher hob sich eine Stimme aus der Masse hervor. Ich sah, wie Obstbäume verblühten und die heisse Sommersonne das erste Laub verbrannte, und immer lauter, immer klarer trat diese eine Stimme in der Vordergrund.

Orange färbten sich schon die Laubkronen, langsam ergaben sich die roten Blätter der drängenden Kraft, und die Stimme schwoll zu einem Dröhnen an, doch noch immer verstand ich kein Wort von dem, was die Stimme sagte. Dunkle Wolken schoben sich vor die langsam kahl werdenden Äste. Da erblickte ich Modrin. Stolz reckte er sich gen Himmel, obwohl ein wütender Herbstwind an seiner Krone rüttelte.

Schwarze Wolken verwoben Zweige und Baumstämme zu einer undurchdringlichen Einheit, umhüllten Modrin, schoben sich zwischen uns. Eisige Kälte ergriff mich und lähmte meine Bewegungen. Noch bevor ich auch nur einen Schritt machen konnte, um nach Modrin zu greifen, war er verschwunden, verschluckt von der Dunkelheit. Abrupt verstummte die dröhnende Stimme, verschwand die Finsternis.

Reglos sass ich da, graue Einöde umhüllte mich. Wohl hörte ich Stimmen um mich herum, doch sie prallten an mir ab. Alles um mich herum versank in Sinnlosigkeit.

Es war Dralion's Wille, welcher meinem Körper die Kraft gab, sich zu bewegen. Doch mein Inneres war, bis auf einen kleinen, flammenden Fleck, seltsam leer.

Modrin.

Donnerstag, April 05, 2007

Der Umzug

Unmut machte sich breit bei mir die letzten Tage. Zwar wurden die Tage länger, was an und für sich bei mir meine Laune steigen lässt, doch dies geschieht nicht nur bei mir. Immer öfter versammeln sich Gesellschaften auf der Lichtung zu Gobos, um gemütlich beisammen zu sitzen und ein wenig zu feiern.

So sehr ich ihnen die geselligen Stunden gönne, so sehr erschwert es mir die Rückkehr zu meiner Hütte in den Tiefen der Wälder. Immer seltener nächtige ich nun dort, und dies obwohl ich sie in den letzten Wochen in mühevoller Arbeit erweitert und ausgebaut hatte.

Gestern habe ich nun mein weniges Hab und Gut aus der Hütte mitgenommen, viel war es ja nicht, und die Hütte aufgegeben. Vorläufig zumindest. Die nächsten Wochen werde ich mich wohl auf meine Barufelder zurückziehen. Jetzt im Frühjahr bedürfen sie besonderer Aufmerksamkeit. Was danach sein wird, weiss ich noch nicht genau. Wahrscheinlich werde ich das Angebot einer entfernt bekannten Onlo annehmen. Doch wer weiss, was die Zukunft bringt?

Donnerstag, März 29, 2007

Das Geburtstagsgeschenk

Seit langem hatte ich schon geplant, meinen Geburtstag mit meinen Brüdern zu verbringen - bei ihnen, auf ihrem Anwesen. Rechtzeitig machte ich mich auf den Weg, um zur Tag-und-Nacht-Gleiche, meinem Geburtstag, bei ihnen zu sein.

Das Wiedersehen war unbeschreiblich. Erst da wurde mir bewusst, wie sehr sie mir fehlten. Einer mehr als der andere, am meisten jedoch Andhiel - der Älteste. Kaum mag ich mich erinnern, was wir all diese Tage gemacht haben. Die meiste Zeit haben wir wohl geredet und einfach die gemeinsame Zeit genossen.

Die Tag-und-Nacht-Gleiche begingen wir so, wie wir früher immer gefeiert hatten. Die Nacht war kalt und sternenklar. Lezhina, die vertraute der Familie Tmavy, führte die Traditionen durch und sprach die alten rituellen Worte, wie sie aus den Alten Onlo-Schriften überliefert wurden.

Es war schon spätabends, als Lezhina und Andhiel zu mir traten. Hinter ihnen sah ich, wie meine übrigen Brüder gespannt zu uns blickten. Andhiel und Lezhina musterten mich prüfend, konnten sich aber ein breites Lächeln nicht verkneifen. Dann drückte mir Andhiel ein kleines, in Leder gebundenes Päckchen in die Hand.

Sechs erwartungsvolle Augenpaare schauten mir zu, wie ich vorsichtig das Band löste und das Leder zurückschlug. Einen Moment lang war ich sprachlos - vor mir, auf dunkelgrünen Samt gebettet, lag mein zierlicher Anhänger! Ich hatte ihn am Vortag vermisst, und ich und meine Brüder hatten ihn gesucht, doch vergeblich.

Jetzt erst wurde mir klar, wieso meine Brüder bei der Suche nicht wirklich enthusiastisch vorgegangen waren. Verwundert blickte ich zu Andhiel, welcher jedoch nur Lezhina zunickte. Sie lächelte und begann dann mit ihrer sanften Stimme zu erklären:

"In seinem Innern brennt das Feuer der Trean: Sollte es dereinst verlöschen, verlässt das letzte Blut der Trean die Erde. So hat es dir deine Urgrossmutter Moudhra erzählt, und das zu Recht. Heute aber, zu deinem Geburtstag und zur Geburt des neuen Jahres, habe ich, mit Hilfe deiner Brüder, diesen Anhänger mit Alter Onlo-Magie belegt. In ihm spiegelt sich nun die Weisheit der Wälder, und manchmal wird dich einen Wimpernschlag lang eine Ahnung dieser Weisheit überkommen"

Verblüfft betrachtete ich den Anhänger. Das Feuer im Inneren, so schien mir, flackerte heute heller als sonst. Andhiel lächelt mir zu, nahm sanft den Anhänger und legte mir die Silberkette um. Heiss, aber sehr angenehm lag der Stein auf meiner Haut. Worte waren keine nötig, meine Brüder und Lezhina sahen mir wohl an, welch grosses Geschenk sie mir gemacht hatten!